Pädagogik

In unserer menschlichen Entwicklung vom Kind zum selbstverantwortlichen Erwachsenen ist es von grosser Wichtigkeit, dass wir uns in unserem Leben und in unserer sozialen Umgebung, also in der Gesellschaft in der wir heranwachsen, als wirksam und lebensfähig erfahren. Dazu benötigen wir zwei wichtige Voraussetzungen. Auf der einen Seite müssen wir unsere individuellen Fähigkeiten / Interessen entdecken, die uns von den anderen Menschen unterscheiden. Durch unsere Entwicklung mit unserem einzigartigen Potenzial, unserer einzigartigen kulturellen und familiärer Prägung finden wir dadurch zu einer eigenständigen Sichtweise in dieser Welt. Dazu braucht es aber auch eine Gesellschaft, welche dieses Potential sieht, honoriert und fördert. Diese beiden Faktoren sind von eminenter Wichtigkeit, dass wir überhabt in ein verantwortungsvolles Handeln und Teilnehmen kommen und ein gesundes Selbstbewusstsein entsteht.

Für mich ist daher die beste Unterstützung dieser Entwicklung die anfängliche Hilfe bei der Suche nach dieser speziellen Einzigartigkeit, den individuellen Fähigkeiten einer jungen Persönlichkeit. Danach geht es um die Entwicklung und Vergrösserung dieses Potentials, bis dieses Potential soweit ausgereift ist, dass es in einer Gesellschaft relevant wird.

Die Haltung der Begleiter ist daher von eminenter Wichtigkeit, da ein frischer Mensch mit einem neuen und gegenwärtigen Blickwinkel in diese Welt geboren wird. Wir sollten ihm nicht unsere Weltsicht und Zwänge aufdrängen, sondern uns vielmehr darüber wundern, wie dieses neue Potential eines jungen Menschen auf unsere Gesellschaft wirkt, da nur jedes Individuum für sich bestimmen kann, was Richtig ist. 

Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Abläufen und Diskursen erfolgt erst danach.

Auszug aus der Masterarbeit 2018

Audiowalk: https://bilddireinen.com

1. Vorwort

Zum Gedenken an Steven Hawking starte ich mit einem Zitat aus seinem Nachruf. «Ich möchte Menschen inspirieren, in die Sterne zu blicken und nicht vor ihre Füsse». Wenn man sich mit Hawkings Aussage auseinandersetzt, wird schnell klar, dass er dies in einem grösseren Kontext meinte. Ich denke, er wollte uns mitteilen, dass wir das Leben nicht nur auf uns selber und somit nicht nur auf den Menschen bezogen betrachten dürfen. Vielmehr sollen wir uns als ein ganz kleiner Teil eines unendlich grossen Ganzen erkennen und aus diesen Zusammenhängen das Leben begreifen.

2. Über mein Lernen

Wenn ich heute, als gestandener Lehrer mit 42 Jahren, mein eigenes Lernen beschreiben müsste, so würde ich mich als Autodidakten bezeichnen, welcher nicht nur, aber in erster Linie, durch Erleben und Reibung Wissen mit Gelerntem verknüpfen kann. Schon in der Volksschule war für mich das Lernen für Prüfungen mit einem inneren Kampf verbunden. Nur schwer konnte ich vorgegebene Lerninhalte dauerhaft speichern und auch wieder abrufen. Besonders schwierig wurde es dann, wenn mich das Thema wenig interessierte. Ich brauchte die Konfrontation und die Auseinander-setzung mit anderen Menschen, damit ich reale Erlebnisse mit den dazu gehörigen Gefühlen verknüpfen und so Gehörtes verstehen konnte. Alles andere ging für mich in kürzester Zeit wieder vergessen. Entschloss ich mich als Teenager, Gitarre spielen zu lernen, musste ich das für mich erst allein entdecken und eine eigene Art des Spielens herausfinden. Meine Motivation zum Gitarre spielen wäre erheblich geschwächt worden, wenn ich schon zu Beginn und ohne eine innere Fragestellung den Musikunterricht hätte besuchen müssen. Zwar bin ich heute ein schlechter Gitarrist, die Freude am Musizieren aber, habe ich mir trotzdem erhalten. Man kann sich leicht vorstellen, dass mir meine Lernstrategie, alles immer auf eigene Weise lernen und verstehen zu wollen, nicht nur Erfolge brachte. Mein Umfeld und meine LehrerInnen hatten damals ganz andere Ansprüche an mich, welche mir nach dem Abschluss der Volksschule einen reibungslosen Übergang in das Berufsleben ermöglichen sollten. Mit dem Beginn der Pubertät war dann sowieso alles andere wichtiger als für die Schule zu lernen. Erst mit der Kunst fand ich Mitte Zwanzig zum ersten Mal eine Schule, in der genau dieses empirische und entdeckende Lernen von den Lehrbeauftragten gefördert wurde. Empirisches Lernen verstehe ich hier als ein intrinsisch motiviertes Handeln, das Lösungsansätze aufgrund unserer effektiven Fragestellungen untersucht. Nach Krapp/Ryan: Intrinsische Motivation ist als eine Form definiert, die auf der inhärenten Befriedigung des Handlungsvollzugs beruht. Eine intrinsisch motivierte Person handelt aus Freude über die Tätigkeit oder einem „intrinsischen Interesse“ an der Sache. Prototypische Formen sind das Neugier- und Explorationsverhalten bei Kleinkindern oder sportliche Aktivitäten, die ohne weiterreichende Ambitionen (z.B. Gewinn im Wettkampf) durchgeführt werden.

2.1 Intrinsisches Lernen 

Mit dem Start des Studiums zum Werk- und Zeichnungslehrer fand ich erst mein Interesse an der Bildung und der gleichzeitigen Reflexion der lernpsychologischen Prozesse. Die Erfahrungen aus meinem eigenen Lernprozess motivierten mich dabei, den von mir konzipierten Unterricht so zu gestalten, dass dem intrinsischen Lernen möglichst viel Aufmerksamkeit gewidmet werden konnte. Meine SchülerInnen sollten sich anhand des zu erlernenden Stoffes das Wissen auf ihre eigene Weise aneignen können. Das Ergebnis als Produkt, dieses handwerklichen, beziehungsweise künstlerischen Prozesses, stand dabei meistens nur an zweiter Stelle. Meine Zweifel am gegen-wärtigen Bildungssystem sind trotz – oder womöglich gerade durch – die eigene Involvierung als Lehrer stetig gewachsen. Das liegt nicht zuletzt am Spagat, den wir LehrerInnen heute zwischen der jugendlichen Persönlichkeitsentwicklung und dem wirtschaftlich orientierten Lehrauftrag zu leisten haben. Mit den vollen Lehrplänen bleiben meiner Meinung nach immer weniger Zeiträume, in denen intrinsisches Lernen gezielt gefördert werden kann und SchülerInnen neu Gelerntes in ihrem eigenen Tempo mit vorhandenem Wissen verbinden können. Aber genau das ist meines Erachtens die zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn und für die Aneignung von Wissen, welches mit Erfahrungen der Lernenden verbunden, längerfristig abrufbar bleibt. Der Prozess des Lernens ist ein genuiner Bestandteil des Lebens. 

2.2 Gemeinsames Lernen

Zum Start meines Masterstudiums vor fast 3 Jahren befasste ich mich mit verschiedensten Funktionen und Mechanismen von Weltsystemen und Religionen, sowie ihrem Vergleich untereinander. Schon als Teenager liebte ich die lauen Sommernächte, in welchen ich mit Freunden im Garten in die Sterne schaute und ungezwungen über die Zusammenhänge unserer Welt fabulierte. Über die Jahre führten diese unbedarften Gedanken, genährt von der Kunst, dem Lehrer-Sein und dem eigenen Lebensweg zu einer persönlichen Vision von einer lebenswerteren Gesellschaft. 

Diese Vision brachte mich zum Entschluss, meinen Fokus auf eine Gemeinschaft zu richten, welche sich in einem kollektiven Prozess, selber organisiert.  

An einem geselligen Abend mit Reto Lienhard im Herbst 2016 entstand im Laufe einer Diskussion über Kunst in der Öffentlichkeit unsere Idee, in Stansstad einen geeigneten Raum zu suchen, welcher uns ein längerfristiges, ortsbezogenes Arbeiten ermöglichen sollte. Der Abschluss des Master Kunst Luzern (Major Art in Public Spheres) beinhaltet nebst der Masterthesis, eine ortsbezogene Abschlussausstellung für die künstlerische Praxis in einer Zentralschweizer Gemeinde. Hierfür entschied sich unsere Klasse zu diesem Zeitpunkt gemeinsam für den Abschlussort Stansstad. Unsere Idee, einen gemeinsamen Raum in Stansstad für Recherchen und unsere Arbeiten zu suchen, stiess auf allgemein grosses Interesse. Auf einer ersten, gemeinsamen Exkursion durch Stansstad, entdeckten wir im Frühling 2017 das leerstehende Postlokal direkt am Bahnhof Stansstad. Die Lage und Infrastruktur der leerstehenden Poststelle mit 500 Quadrat-metern Grundfläche schien uns geradezu perfekt als Veranstaltungslokal mit Begegnungscafé, Ateliers für Workshops und Kunstausstellungen. Das alte Postlokal liegt im Erdgeschoss eines Gebäudes der Alterssiedlung Riedsunne. Die Stiftung Riedsunne übernahm das Postlokal im Januar 2018 von der Post Immobilien AG. Die Stiftung Riedsunne und die Post Immobilien AG ermöglichen uns seit September 2017 gemeinsam die Zwischennutzung der ehemaligen Poststelle. Nach über sechsmonatigen Bemühungen von Reto Lienhard, unserer Studienleitung und mir, konnten wir endlich mit dem Veranstaltungslokal starten. Hierfür gründeten Reto Lienhard und ich mit unserer Studienleitung den Verein Veranstaltungslokal Stansstad. Der Verein bildet einerseits die Grundlage für unser Begegnungscafé und andererseits soll so auch lokalen Kulturschaffenden die Nutzung des Veranstaltungslokals als Atelier und Veranstaltungsort ermöglicht werden. Das Veranstaltungslokal wurde von den Vereinsmitgliedern auf den Namen „Whua“ getauft.

Mir dient das Veranstaltungslokal Whua seit der Gründung im September 2017 als Ausgangslage für meine Feldforschung. Einerseits organisierten Reto Lienhard und ich unsere kuratorischen Produktionen als Künstlerkollektiv Schmauser & Wirt. Andererseits konnten alle Vereinsmitglieder das Whua bespielen, die Ateliers nutzen oder Ausstellungen und Workshops organisieren. Das Veranstaltungslokal bietet reichlich Platz für mannigfaltige Nutzung. Der Verein Veranstaltungs-lokal Stansstad dient dabei als Plattform für die gemeinsame Debatte über die Ausrichtung und Entwicklung der alten Poststelle. Darum war meine zentrale Frage in diesem Projekt, wie gross das Bedürfnis nach selbstorganisierten Räumen in Stansstad wirklich ist. Was sind die gemeinsamen Themen? Wie wird dieser Freiraum von den Vereinsmitgliedern genutzt? 

Meine Auseinandersetzung mit diesen Fragen brachte mich zu einer ersten Einsicht: Wir müssen den Umgang mit Freiräumen in einer Gemeinschaft gezielt kultivieren. Das Gespräch wurde im Whua zum festen Bestandteil eines gemeinsamen, intrinsischen Lernprozesses. Wir organisierten Ausstellungen, schufen Arbeits- und Atelierplätze für Mitstudierende und BewohnerInnen von Stansstad. Es zeigte sich aber auch, dass es gegenwärtig immer jemanden braucht, der/die vor Ort die Konzeption und die Organisation übernimmt, um andere TeilnehmerInnen für die Erschaffung und Nutzung eines solchen Freiraums zu begeistern. 

Neben dem Betrieb des Veranstaltungslokals Whua und den mit ihm einhergehenden Fragen des gemeinschaftlichen Arbeitens und selbstbestimmten Lernens, bin ich auch meinem Interesse für die Astrophysik weiter nachgegangen. 

2.3 Ganzheitliches Lernen

Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf die Homepage von Harald Lesch und Josef M. Gassner gestossen, welche mit ihrer Internetserie „Urknall, Weltall und das Leben“ die Entstehung des Universums und die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten auf eine wundervoll einfache Weise erklären. Die Erklärungen von Harald Lesch und Josef M. Gassner gewährten mir die Möglichkeit, Astrophysik auf einer intrinsischen Entdeckungsreise zu verstehen. Dazu boten sie mir willkommene Inspiration für meine persönliche Bildungsidee und dadurch auch Anhaltspunkte, wie wir den Umgang mit Freiräumen lernen könnten.

Mit der von mir konzipierten Abschlussarbeit – einem Audiospaziergang durch Stansstad – möchte ich den Besuchern/Besucherinnen der Abschlussausstellung die Faszination weitergeben, die ich durch die Begegnung mit der Arbeit beider Wissenschaftler empfunden habe. Der Audiowalk bietet den Besuchern/Besucherinnen die Möglichkeit, auf ihrem Spaziergang durch Stansstad meine Thesen individuell mit den eigenen Gedanken und Erfahrungen zu verknüpfen. Im Folgenden möchte ich das Konzept und den thematischen Hintergrund dieses Audiowalks, welcher sowohl den theoretischen als auch den praktischen Teil meiner Masterthesis beinhaltet, eingehender schildern. 

3. Können wir von der Urknalltheorie etwas lernen?

Ich bin durch meine Auseinandersetzung mit der Astrophysik und insbesondere mit der Urknalltheorie zur Ansicht gekommen, dass wir alle Dinge um uns stets im grösseren Zusammenhang, also in letzter Konsequenz mit dem gesamten Kosmos, wahrnehmen und begreifen müssen. Die Auseinandersetzung mit der Entstehung unseres Planeten gab mir eine gänzlich neue zeitliche Dimension in Hinblick auf mein Leben, meine Wirklichkeit und mein Verständnis für die Beschaffenheit unserer Welt. Meine Überlegungen zur Gesellschaft verfolgen das Ziel, dass unser Handeln unsere Lebenserwartung und auch die unserer Kinder weitgehend übersteigen muss. In den letzten Jahren habe ich mich eingehend mit den Hintergründen – nicht zuletzt meines eigenen Wohlstandes – auseinandergesetzt. Wir haben uns hier auf eine Art und Weise eingerichtet, die keinerlei Rücksicht auf das Ökosystem unseres Planeten nimmt und seinen Untergang heraus-fordert, sollte sich unser Umgang nicht schnellstmöglich ändern. Darum bin ich der Überzeugung, dass wir gedanklich gewissermassen zum Urknall zurückkehren sollten, um universelle Zusammen-hänge zu rekapitulieren und besser verstehen zu können und um mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen die Gesellschaft in Einklang mit der Umwelt zu bringen. Ich denke, dass wir unser Leben erst nachhaltig gestalten können, wenn wir die Gesetzmässigkeiten des Kosmos als zusammenhängend begreifen. Die Welt scheint im Kleinsten, sowie auch im Grössten, den gleichen physikalischen Gesetzmässigkeiten zu unterstehen. 

Die Auseinandersetzung mit der Astrophysik ist in meinen Augen eine grosse Chance für die Menschheit. Sie ermöglicht uns, unser Leben aus einer ganzheitlicheren Perspektive zu betrachten und befähigt uns dazu – so hoffe ich – die Zerstörung unseres Planeten aufzuhalten.

4. Was können wir aus der Entstehungsgeschichte des Universums und der Erde lernen?

Nach dem Urknall sorgte die Gravitation dafür, dass sich die freigesetzte Materie über Millionen von Jahren neu formierte. Anhand des Naturgesetzes der Masse (nach Eduard Newton: Masse zieht Masse an) lässt sich erklären, wie die im Universum verstreut schwebenden Teilchen zu neuen Planeten heranwuchsen. Wir kennen sie heute mit Namen wie Mars oder Venus. Die Kraft der Gravitation erkennen wir auf unserer Erde anhand des Phänomens der Gezeiten, welche von der grossen Masse unseres Trabantenmondes erzeugt werden. Je nach Grösse, Distanz zur Sonne und der Dichte der Materie entstanden so die verschiedenen Planeten. Die Menge des vorhandenen Wassers schuf auf einigen von ihnen die Grundlage für das Leben. MystikerInnen würden dafür den göttlichen Einfluss verantwortlich machen, während MathematikerInnen eher von der mathe-matischen Wahrscheinlichkeit sprächen. Die Evolution sorgte daraufhin für die Entwicklung des Lebens und brachte eine Vielfalt von Spezies hervor. Informationen wurden fortlaufend über die Gene an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Weitergabe genetischer Informationen sorgte im Laufe langer Zeit für die Entstehung immer komplexerer Lebewesen mit unter-schiedlichen Fähigkeiten und Eigenschaften. Diese Lebensformen standen und stehen noch heute in direkter Beziehung zueinander. Die Quantenphysik liefert uns diesbezüglich viele Einblicke, wie komplex unser Kosmos ineinander verwoben ist. Die Entwicklung eines jeden Lebewesens war unmittelbar gekoppelt an die Weiterentwicklung seines Umfeldes. Der Mensch entwickelte dazu noch ein Bewusstsein, welches sich selbst und das Leben zu reflektieren und zu hinterfragen vermag, was innerhalb des beschriebenen Prozesses wohl das grösste Wunder darstellt. Wir Menschen gehören einem komplexen Kosmos an und sind dadurch zwangsläufig auch der Evolution unterstellt, welche uns immer wieder auf unsere Lebenstauglichkeit prüft. 

5. Der Schlüssel zu unserer kontinuierlichen Entwicklung

Durch meine langjährige Arbeit mit jungen Menschen bin ich zur Einsicht gekommen, dass der Schlüssel zu unserer kontinuierlichen Entwicklung in der Jugend liegt. Jede neue Generation startet ihr Leben mit leerem Speicher, einem einzigartigen, genetischen Potenzial und wird zu einer bestimmten Zeit in die Welt geboren. Alles was wir nach der Geburt auf unserer Reise ins Erwachsenenalter entdecken und lernen, erleben wir zum ersten Mal. Im weiteren Verlauf des Lebens werden wir durch vielfältige politische, kulturelle, soziale und familiäre, aber auch schulische Prägungen geformt. Die unvoreingenommene, kindliche Wahrnehmung bildet dabei die Grundlage für unsere Definition der Welt. Dies erklärt womöglich meine Beobachtung als Lehrer, dass Kinder meistens in der Lage sind, mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen, Familien-verhältnissen und Gesellschaftsformen klar zu kommen. Durch meine Tätigkeit lerne ich selber täglich, die Welt mit kindlicher Neugier zu betrachten. Unsere Eltern geben uns in den ersten Lebensjahren ihre Lebenskonzepte, Strategien und Werte weiter, welche den Kindern die ersten Orientierungspunkte für ihr Leben bieten. Dafür werden Eltern in diesen Jahren zum zweiten Mal in ihrem Leben mit einer kindlichen und unbescholtenen Entdeckungsreise konfrontiert. Mit der Pubertät beginnt dann eine instabile Zeit für die Persönlichkeit der Jugendlichen. Sie suchen in dieser Phase ihre eigene Meinung und wollen die vorgelebten Werte und Haltungen ihrer Eltern hinterfragen. Mit ihrer unvoreingenommenen Sichtweise auf das Leben vermag die Jugend unsere Welt neu zu deuten und allgemeingesellschaftliche Werte neu zu interpretieren. So tragen unsere Kinder, nach meiner Auffassung, den eigentlichen Zugang zur gesellschaftlichen Entwicklung in sich: Sie können unser Leben, mit ihrer individuell erlebten Welt vergleichen und durch ihre Unbefangenheit wieder zu neuen Sichtweisen auf das Leben kommen. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Die Frage bleibt, wie wir dieses jugendliche Potenzial wieder stärker in unsere gesell-schaftliche Entwicklung einbinden können.

6. Bildungssystem und das individuelle Potenzial

Gegenwärtig müssen junge Menschen bis mindestens zum 16. Lebensjahr ein Schulsystem durchlaufen, welches sie zu wirtschaftsrelevanten Leistungen trimmt. Diese Ausgangslage kann sich bei einigen Jugendlichen negativ auf ihren Selbstwert und ihr Zugehörigkeitsgefühl auswirken. Selbstbestimmtes Lernen  erlebe ich darum als einen wichtigen Ansatz in der heutigen Schul-entwicklung. Es steht für eine persönlichkeitsorientierte Schule, in der SchülerInnen ihre Schwerpunkte und Ziele selber bestimmen dürfen. Sie folgen ihren intrinsischen Interessen und bekommen so die Gelegenheit, ihre individuellen Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Gegenwärtig verfolge ich mit grossem Interesse das Schulprojekt „Dandelion“ in Zürich Albisrieden, welches das selbstorientierte Lernen ins Zentrum ihres Bildungsauftrages stellt. Die Schule soll vorgegebene Lernziele auf die Inhalte reduzieren, welche von Relevanz sind für ein Leben in unserer Gesellschaft. Wir alle können sicher Lerninhalte aufzählen, welche wir nach Abschluss der Schule nie mehr gebraucht haben. Die restlichen Stunden dürfen von den Jugend-lichen nach ihren eigenen Interessen und Fähigkeiten gestaltet werden. Ich wünsche mir ein Schulsystem, indem Kinder schon sehr früh Eigenverantwortung für ihr eigenes Lernen und ihre Entwicklung übernehmen können. Wir LehrerInnen werden dadurch zu Lernbegleitern/Lern-begleiterinnen, welche die SchülerInnen auf ihren individuellen Lernwegen unterstützen und mit dem benötigten Wissen in ihren eigenen Fachbereichen fördern. Wenn junge Menschen schon zu Beginn ihrer Schullaufbahn ihre Lernziele und Schwerpunkte selber bestimmen können, werden sie sich nach meiner Erfahrung, zwangsläufig auch zu verantwortungsvolleren Menschen entwickeln. Dies wird sich positiv auf die Motivation und das Lernverhalten der SchülerInnen auswirken, denn die Schule wird so nicht mehr zur Pflichtübung und zum Sündenbock, sondern zum Ort der individuellen Förderung. 

Hierfür erlebe ich im Alltag meines Bildungsauftrages in der Sekundarschule Freienstein täglich wunderbare Beispiele von enthusiastischen Jugendlichen, welche mit eigenen Projektideen in die Schule kommen. Manchmal haben sie das nötige Material schon selbständig vom Schrottplatz und Baucenter organisiert. Es gibt nach meiner Erfahrung keine Kinder, die nicht etwas Schaffen wollen. Die Frage lautet, wie wir unsere Jugendlichen in unserer Gesellschaft empfangen und aufnehmen sollten. Über das eigene Lernen bestimmen zu dürfen, bedeutet auch den Umgang mit Freiräumen lernen zu müssen.

Konzept